Zwei Praktika im Vergleich

erstellt am: 19.07.2011 | von: Alexander Winkler | Kategorie(n): Blog, Deutsch

Zwei Länder, zwei Sendeanstalten, zwei Praktika – ein Praktikant: ich. Zwei Erfahrungen aus der Arbeitswelt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Trotzdem lässt der Vergleich Rückschlüsse zu. Beide Praktika waren Pflichtprogramm zum jeweiligen Studium. SWR3.online vs Radio New Zealand News.

Bevor meine beiden Wochen bei Radio New Zealand in Wellington losgehen konnten, musste ich meine Erwartungen aufschreiben. Bei der abschließenden Bewertung habe ich dann festgestellt, dass alle Punkte erfüllt waren:

  • Stimmtraining
  • Parlamentsbesuch
  • unterschiedliche Nachrichtenaspekte aus einem Bericht herausarbeiten, Einleitungen schreiben
  • Produktion des Morning Reports begleiten
  • Gerichtsbesuch
  • Besuch in der Online-Abteilung
  • Meine eigenen Stücke im Programm

Trotz dieses erfüllten Wunschzettels bin ich überrascht, wie wenig ich zu tun hatte. Im Schnitt war ich wohl etwa ein Drittel des Tages unbeschäftigt.

OK. Die beiden Wochen waren auch ansich eher dürftig mit Nachrichten gespickt – selbst angestellte Reporter hatten sehr ruhige Tage. Aber wirklich überrascht hat mich ein Kommentar, dass ich mich glücklich schätzen sollte, wie viel ich tun durfte weil so viele Reporter krank seien. Da wundere ich mich dann doch, ob nicht vielleicht ein paar zu viele Menschen hier arbeiten.

Aber natürlich bin ich nicht in der Position aus zwei ruhigen Wochen solch dramatische Schlüsse zu ziehen.

Wirklich Eindrücke hinterlassen hat aber auch mein Besuch in der Internet-Abteilung. Ich hatte dabei einfach ein paar Fragen zu RNZs Onlinestrategie, sozialen Medien oder einfach die Abdeckung der Onlineberichterstattung durch die Reporter. Kurzfassung: es gibt sie nicht.

Reporter nehmen keine Kameras mit, wenn sie unterwegs sind. Homepagedesign und Suchmaschinenoptimierung laufen nach Gefühl und eine Zielgruppe gibt es nicht. Twitter ist das einzige soziale Medium von RNZ. Und es war erst meine Frage nach dem Warum, dass überhaupt jemand festgestellt hat, dass @rnz_news nicht mehr zwitschert.

Zugegeben, was hier ein Team von 7 Technikern und Redakteuren durch raten stemmt ist beeindruckend und erfüllt seinen Zweck. Selbst Twitter lief nach zwei Stunden wieder.

Trotzdem würde ich mir von einer regierungsregulierten Medienanstalt mehr erwarten, wenn sie die gesamte Bevölkerung erreichen soll. Vielleicht wäre es an der Zeit in neue Medien zu investieren. Aber weil ich weiß, dass Finanzierung hier nochmal ein ganz anderes Thema ist als in Deutschland, will ich demnächst mal die beiden Konzepte des öffentlichen Rundfunks in Deutschland und Neuseeland hier im Blog vergleichen.

Mein Praktikum bei SWR3.online war vor ziemlich genau zwei Jahren. Der aktuelle Rundfunkstaatsvetrag (nach dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag), lässt es leider nicht zu, die von mir produzierten Inhalte heute noch abzurufen. Aber in den drei Monaten habe ich mich im Großen und Ganzen mit Online- und Technikjournalismus befasst, Videos gedreht, soziale Medien eingesetzt und die Sendeinhalte ins Netz gebracht. Aber meine eigenen Inhalte durfte ich nicht auf Sendung präsentieren.

Wenn ich diese beiden Erfahrungen vergleiche, komme ich aber trotzdem zu dem Schluss dass beide unglaublich lehrreich waren. Radio New Zealand hat mir viel über professionell gesprochenes, umgangssprachliches Englisch im Radio gelehrt. Aussprache, Intonation, Geschwindigkeit. Ich weiß mehr über Nachrichtenstile und wie Inhalte stündlich interessant und für jede Nachrichtenstunde aufbereitet werden.

Aber langfristig würde ich mir für meinen Job wünschen, dass die Nachrichten auch für online aufbereitet werden. Denn Radio kämpft immer mit der Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer während das Internet die Chance bietet Inhalte weiter zu beleben und interessierte Hörer zu binden. Nutzer diskutieren Inhalte und Präsentation und als Journalist kann ich Hintergründe verlinken und nachhaltig anbieten.


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